Friday, March 7, 2008

Glasperlentango


…Während ich das hier schreibe, blicke ich aus dem Fenster. Der Himmel ist riesig, hellgrau und mit winzigen schwarzen Punkten gesprenkelt, als hätte jemand eine mit Tusche getränkte Zeichenfeder rasch über ein Blatt Papier bewegt: die Vögel kehren zurück.
Am Sonntag kam ich erst am frühen Morgen aus Holland. Die Nacht in El Corte war erwartungsgemäß großartig. Es war nicht so voll wie sonst, wahrscheinlich deshalb, weil in zwei Wochen Doble Ocho
stattfindet. Aber die Qualität des Tanzens war beruhigend hoch. Es ist immer wieder schön daran erinnert zu werden, weshalb man sich überhaupt die Mühe gibt. Die der Schuhsohle vertrauten Einkerbungen auf dem Tanzboden; die Suppe mit einem Hauch Zimt, die pünktlich um Mitternacht serviert wird; ein verstohlener Blick auf die Fremde im hohen Wandspiegel, die zwar meine Gesichtzüge, aber einen anderen Gesichtsausdruck trägt.
Ich kam am frühen Morgen nach Hause. Als ich ins Bett ging, fing die Dämmerung gerade an, Silhouetten der Häuser aus der Nacht herauszufiltern.

Um halb zehn wurde ich von einem Anruf geweckt.
-Sag mir nicht, dass Du schon schläfst. Es ist doch erst Sonntag.
Ich grunzte in den Hörer, ließ den neben mir auf den Kissen fallen, sie ist unmöglich, dachte ich mir, ist es unerhört oder was?
Das Telefon sang munter weiter:
- Komm, Spätzchen, wach auf, wach auf, nicht wieder einschlafen. Du bist mich in zwei Tagen wieder los. Wir wollten noch was zusammen unternehmen.
- Oh Gott, aber jetzt doch nicht. Wo bist Du denn grade?
- Du wirst es sowieso nicht glauben. Aber ich weiß, wo wir heute Abend sind…
Ich seufzte, warf die Decke beiseite und ging in die Küche, um Wasser aufzusetzen.
Mit dieser Frau bin ich schon seit Jahren
befreundet - wenn auch auf eine etwas periphere Weise. Ich versuch’ stets, sie im Blickwinkel zu behalten, was nicht immer gelingt: die Trajektorie ihres Lebens mutet wie eine Geografiestunde für Fortgeschrittene an.
Aber immer wieder verwirbeln sich unsere Wege miteinander.
E. hat eine hohe, gehauchte Stimme, die sich am Ende jedes Satzes fragend verbiegt. Nächste Woche geht sie für drei Monate nach Italien, um ihr erstes Buch, an dem sich schon seit etlichen Jahren rumwerkelt, fertig zu schreiben – so behautet sie zumindest, ich habe da so meine Zweifel. Sie ist furchtlos, klug und manchmal eine Spur zu zynisch. Ihr muss man aufrecht begegnen.
Wir verabredeten uns zu einer Nachmittagsmilonga. Ich wartete draußen, es war immer noch sehr windig, ich fror, das Haar flog mir ins Gesicht, der Saum des linken Mantelärmels verfing sich in der Schnur vom Schuhbeutel. Als ich versuchte, den dicken Stoff aus dem Knoten zu befreien, rutschte mir die Tasche von der Schulter runter, mein geliebtes, ohnehin arg gebeuteltes Moleskine flog raus und landete in der Pfütze vor meinen Füßen. Ich fluchte hilflos. Ein Mann, der auf den Eingang steuerte, hob es auf, fuhr mit der Handfläche über den schwarzen Einband und hielt es mir wortlos hin. Ich murmelte verlegen „Danke“ und versuchte zu lächeln, aber schon drehte er sich um und verschwand hinter der schweren Tür. Ich sah ihm hinterher.
- Hey, da bist Du ja! – Meine Freundin materialisierte sich wie aus dem Nichts. - Wie lange wartest Du schon?
- Keine Ahnung... zu lange. Wie wäre es mit ein bisschen Pünktlichkeit, mal so zu Abwechslung?
- Ach, Süße, Du weiß, "Pünktlichkeit ist eine Zier...“ – E. küsste mich auf die Wange.
- Ja, ja, erzähl' mir doch was Neues.Nur die Deutsche Bahn ist schlimmer als Du.
Wir gingen rein. Drinnen war es rappevoll, die Hitze schlug uns entgegen. Als der DJ meine Freundin sah, erstrahlte sein Gesicht. - Ciao, belissima mia – rief er ihr laut zu. Ich habe Dich sooo vermisst. So! - er öffnete seine Arme ganz weit, stieß dabei fast einen Glas um, E. tänzelte lachend in seine Umarmung herein. Er blickte mich misstrauisch über ihre Schulter hinweg.
- Und wo warst Du gestern? – Seine linke Augenbraue schnellte nach oben.
- Nicht hier.
- Verräterin. Fremdtänzerin, - flüsterte er zu E. - Gotta teach her some respect, will ya?
- Ja, ja , was auch immer. - Ich zog E. ungeduldig an den Fransen ihres Schals. - Komm, lass uns irgendwo hinsetzten.
Mit einem kleinen Seufzer befreite sie sich aus seinen Armen. – Nicht schlimm. Wir verpassen ihr gleich ein Bad aus Kaffee. Dann ist sie wieder wie neu.
Wir fanden zwei Plätze auf der kleinen Bühnenerhebung hinten. Überall lagen zusammengeknäuelte Klamotten, Schale, Schuhe, Taschentücher, eine Packung Pralinen mit aufgerissenem Deckel. Während ich mich aus dem Mantel pellte, lehnte sie sich an die Wand und betrachtete den Raum. Ihr Gesicht wurde für einen Moment ernst.
- Es wird mir fehlen. - Sie machte eine kleine runde Geste – Das alles.
- Wird es nicht, – sagte ich. - Zwei Tage noch und Du sitzt am Fenster und blickst auf das Meer hinaus und weiß nicht mehr meinen Namen.
- Oje. Jetzt bringst Du mich aber in Verlegenheit.Aber schreib' den mir vorsichtshalber auf.

Wir sprachen über dies und jenes, die Musik war zeitweise sehr laut, ich beugte mich nach vorne, um sie besser hören zu können. Hin und wieder wurde sie still und sah sich im Raum um wie jemand der nicht weiß, wo er aufgewacht ist. Zwischendurch wurden wir aufgefordert, ich war müde, aber präzise, meine Füße folgten der Routine der vergangenen Nacht.
Irgendwann mal verschwand E. auf der Toilette. Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen, auf der Innenfläche meiner Lider pulsierten bunte Tupfer im Rhythmus der Musik.


-Hey, Schlafmütze. – E. war zurück. Sie hatte einen kleinen fein geschnitzelten Fächer in der Hand und musterte mich von oben herab. - Weiß Du, dass Du beobachtet wirst? schon ziemlich lange wohlgemerkt - stellte sie sachlich fest - Aber nicht umdrehen! – fügte sie gleich warnend hinzu, als ich mich umdrehte.
- Mädle, was ist mit Dir los? Null Kinderstube, die heutige Generation, - sagte E. in spöttischer Verzweiflung und stupste mich mit dem Fächer.
Ich kniff die Augen zusammen und spähte blind in den schummrig gewordenen Raum. Dann sah ich den Mann, der mein Notizbuch aus der Pfütze fischte. Mit einem Schlag wurde ich wach. Er hielt meinen Blick, sein Gesicht war genauso undurchdringlich wie zuvor auf der Straße. Ich senkte den Kopf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Er stand auf. E. sagte begeistert – Also, ich krieg’ nie genug von diesem Spiel, - und zu mir, - Hey, sitzen geblieben! lass ihn zu Dir kommen!
Ich fuhr hastig mit den Fingern durch mein Haar in den vergeblichen Versuch, es zu glätten und da war er schon und streckte mir seine Hand entgegen. „Hallo“, sagte er einfach, ich nickte.
Er war nicht besonders groß und von drahtiger Statur. Als ich meine Hand auf seinen Rücken legte, konnte ich die einzelnen Wirbel ertasten: ich fand das unerwartet berührend.
Die Musik setzte ein, es war „El Once“. Er lächelte, ich habe es eher gespürt, als gesehen: meine Stirn lag in der Vertiefung unter seinen rechten Wangenknochen. Andere Paare tanzten an uns vorbei, aber wir standen still. Dann machte er eine kaum spürbare Bewegung, einen kleinen Schritt und dann noch einen.
Mein Körper nahm ungläubig aber dankbar die geradezu mikroskopischen Gewichtsverlagerungen wahr. Die Schritte wurden größer, verloren aber nicht an elastischer Exaktheit.
Nach dem ersten Tanz lösten wir uns voneinander, er sagte mir seinen Namen und erkundigte sich nach dem Wohlergehen des Moleskines.
Er machte nicht wirklich viel. Die Drehungen waren diskret wie ein leise ausgesprochenes Wort. Als wir „Recuerdo“ tanzten, wirbelte er mich einmal um meine Achse herum, wir lächelten, ich machte eine kleine Verzierung mit der Fußspitze. Wir tanzten schon ziemlich lange, als ein Milonga-Set kam. Er blickte mich fragend an. Ich nickte, schloss die Augen und glitt tiefer in seine Umarmung.

Es kamen „Don Enrique“ von Firpo, dann "Silueta portena" und „Reliquias Portenas“ von Canaro.
Ich erlebte Milonga con traspié, von der man insgeheim träumt und nicht glaubt, dass es die wirklich gibt. Jeder auch so winziger Schritt schien eine Bedeutung zu haben.
Es war unsere gemeinsame Liebeserklärung an den Tanz.
Als die letzten Takte verklangen, hielt er mich eine Sekunde länger, flüsterte „Danke, es war perfekt“ und ich wusste, dass er es auch so meinte.
Er brachte mich zu meinem Platz zurück und blieb kurz stehen. E. beäugte ihn mit unverhohlener Neugierde.
- Sie sind gut. - Er sah sie amüsiert an. - E. fuhr fort. - Nein, ich meine, sie waren wirklich sehr, sehr gut. Sehr gut.
Er lachte leise.
- Ich weiß. - Er berührte flüchtig meine Schulter. - Lag aber nicht an mir, - und dann bereits im Weggehen, - Hoffentlich sehen wir uns mal wieder. Ab jetzt werd’ ich Ausschau nach Ihnen halten.
Nachdem er weg war, sah E. mich triumphierend an.
- Gut, nicht? Und das hast Du nur mir zu verdanken, jawohl. Nie wieder wirst Du mich anbrüllen, und Du wirst mir immer gehorchen, und Du kommst mich endlich mal besuchen… -Sie hielt inne und grinste mich an. - Das sah irgendwie - sie suchte nach dem passenden Wort ... ich weiß nicht. Nicht besonders spektakulär, eigentlich. Aber atemberaubend.
Als wir später auf der Straße standen, legte ich den Kopf in den Nacken. Der Himmel klärte sich allmählich, die gräulichen, ausgewaschenen Wolken glitten über die Sternbilder.
Und dann fiel mir das gesuchte Wort ein: Glasperlenstickerei. Ein Meer aus bunten kleinen Steinen: jede einzelne Perle so winzig, so unbedeutend, so leicht zu verlieren.
Dicht aneinander gereiht, fügen sie sich zu einem makellosen Muster zusammen.
Das auch getanzt werden kann.

2 comments:

Woelfin said...

Ich habe schon viel Gutes über den Tango in Holland (Nijmegen?)gehört. Ich selbst war leider noch nie da.

La Tanguerita said...

Ich habe Bekannte, die gar nicht so gerne oder überhaupt nicht nach Holland fahren, aus verschiedenen Gründen. Manchmal gibt es dort auch enormen Frauenüberschuss, leider :-)
Ich für mein Teil kanns nur weiterempfehlen.